Interrobang, Team-Champs – ein Interview

Rückfahrt von Augsburg; nach den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam 2015. Die Schweizer Slam-Delegation sitzt beisammen und lacht. Alle sind irgendwie geschafft. Der eine ist müde, der andere verkatert, wieder jemand ist ziemlich überdreht. Manuel Diener und Valerio Moser sind all das und dazu noch glücklich. Denn sie sind die neuen Champions in der geheimen Königsdisziplin des Slams, dem Team-Wettkampf.

Pierre: Wie geht es euch?
Valerio: Eigentlich ganz okay. Also es ist schon geil. Klar bin ich müde, aber gleichzeitig halt auch euphorisch. Irgendwie kann ich das immer noch nicht ganz fassen.
Manuel: Irgendwie durchzucken mich die Erinnerungen an den Sieg immer noch. Ich meine, wir haben es in den letzten zwei Jahren immer ins Finale geschafft, sind dann aber rausgeflogen. Jetzt haben wir es endlich geschafft. Nach dem ganzen Drama vor den Meisterschaften, dem Stress rund um den neuen Text, welcher bei den Testauftritten zunächst eher schlecht angekommen ist, ist das eine grosse Genugtuung.

Pierre: Wie seid ihr eigentlich dazu gekommen, ein Team zu gründen?
Valerio: Ich habe Manuel irgendwann mal gefragt, da ich einen neuen Partner gesucht habe.
Manuel: Nein, ich habe dich gefragt, als du mir das Anmeldeformular für die Schweizermeisterschaften 2012 geschickt hast.
Valerio: Nein, ich habe dich gefragt!
Manuel: Nein.
Valerio: Doch. Item. Eigentlich war bereits zusammen mit Nino Seiler ein Team geplant, doch der ist ja spurlos in der Westschweiz verschwunden.
Manuel: Aha, von dem wusste ich gar nichts!
Die beiden streiten kurz wie ein altes Ehepaar, nur eloquenter.
Manuel: Jedenfalls war es alles andere als geplant. Sehr spontan. Im Hochsommer an der Aare hatten wir dann die Idee für unseren ersten Text: Fondue.

Pierre: Wieso der Name Interrobang?
Manuel: Valerio hat den Namen vorgeschlagen, ich fand ihn am Anfang ein bisschen doof, jetzt finde ich ihn aber super.
Valerio: Der Name passt einfach. Wir sind irgendwo zwischen Frage und Ausruf. Es ist ein Satzzeichen und hat damit auch wieder mit Worten zu tun. Eigentlich sollte es der Teamname von mir und Nino Seiler werden.
Manuel: Aha!
Wieder streiten sie kurz.
Kilian Ziegler lehnt sich aus seinem Zugabteil zu uns rüber und basht uns alle drei:
Na, wie läufts bei eurem Interviewbang?

Pierre, Kilian ignorierend: Wie ist euer Schreibprozess?
Valerio: Willst du unsere Arbeitsweise klauen?
Pierre, hektisch um sich schauend: Nein, natürlich nicht … ‽
Valerio: Wir arbeiten inzwischen viel über Google Drive, teilweise gleichzeitig oder per Chat. Grundsätzlich sitzen wir am Anfang zusammen und suchen ein Thema, eine Idee.
Manuel: Dann geht es an die Struktur, die Subthemen und die Stilmittel. Sobald all das gefunden ist, bringen wir den Text in eine Form.

Pierre: Mir ist öfters aufgefallen, dass ihr erfolgreiche Texte weiter verbessert. Wie kommt es dazu?
Manuel: Das sind meistens spontane Ideen. Die Veränderungen entstehen während der Performance und aus der Improvisation.

Pierre: Wie übt ihr?
Valerio: Wir versuchen, die Texte möglichst schnell auswendig zu lernen. Dann ist man freier in der Performance. Vor dem Slam treffen wir uns und üben die Texte im Backstage.
Manuel: Manchmal bis unmittelbar vor dem Auftritt!
Manuel und Valerio unisono: Und manchmal auch während dem Auftritt.
Beide lachen diabolisch.

Pierre: Was ist das für eine Welt, in der Liebe keine Leben rettet?
Valerio: Das ist eine gute Frage, welche du aus unserem Text geklaut hast.
Manuel: Es ist natürlich eine rhetorische Frage. Was wäre das für eine Welt, in der rhetorische Fragen beantwortet würden?

Pierre: Werdet ihr weiterhin aktiv bleiben?
Manuel: Sicher! Unbedingt!
Valerio: Der Fokus liegt aber immer mehr auf Kabarett.
Manuel, an Valerio gewandt: Wobei so ein Slam – einfach nur 5 Minuten die Sau raus lassen und etwas auf den Punkt bringen – immer noch sehr geil ist.
Valerio: Stimmt!

Pierre: Eine dumme und typische Interviewfrage: Was würdet ihr Leuten empfehlen, die ebenfalls ein Slam-Team gründen möchten?
Manuel: Einfach ausprobieren. Spass haben! Für das Publikum slammen. On fire sein!
Valerio: Wie Manuel es gerade gesagt hat: Experimentieren! Etwas ausprobieren! Wichtig: Nicht beim ersten Scheitern aufgeben.
Manuel: Aber gleichzeitig nichts erzwingen, wenn es auf der Bühne nicht harmoniert. Ein Grundverständnis braucht es schon.

Pierre: Zum Schluss: Habt ihr selbst einen Lieblingsslammer oder ein Lieblingsteam?
Manuel: Es gibt viele Slammer, die ich geil finde, denen ich gerne zuhöre, zum Beispiel Renato Kaiser, Christoph Simon oder Kilian Ziegler.
Kilian Ziegler lehnt sich aus seinem Zugabteil zu uns rüber und bedankt sich.
Aber ich möchte und könnte ihren Stil gar nicht kopieren.
Valerio: Betreffend der Teams gefallen mir vor allem jene, die mit Performance spielen. Zum Beispiel PauL, Allen Earnstyzz, Harry & Jakob oder die Lesedüne.
Manuel: Aber am besten gefallen mir die Texte, welche eine perfekte Gradwanderung zwischen Aussage, Politik und Humor schaffen.
Unisono: Aber dich, Pierre, finden wir auch nett!

Pierre bedankt sich und legt sein Notizbuch beiseite. Manuel kehrt zu seinem Platz zurück, Valerio widmet sich einem Spiel «Magic» mit Joël Perrin und irgendwo in der Ferne reisst Kilian wieder einen einsamen Joke.

Valerio Moser (*1988) steht seit 2007 auf Slambühnen im ganzen deutschsprachigen Raum. 2011 erhielt er für sein Projekt «Slammobil» – einem Streitwagen für Wortgladiatoren – den Kulturpreis der Stadt Langenthal. Neben seinen Auftritten ist er als Kulturveranstalter aktiv und organisiert neben Poetry Slams auch Nintendo64-Turniere oder das Philosophiefestival «Aus der Tonne» mit.

Manuel Diener (*1990) hat in Zürich Germanistik und Philosophie studiert. Schon früh entdeckte er die Dichtkunst: Sein Erstlingswerk «Das kleine Krokodil» entstand im Alter von vier Jahren in Zusammenarbeit mit seinem Grossvater. Als Jugendlicher schrieb er erste Gedichte und Kurzgeschichten. Seit 2012 steht er regelmässig auf Spoken-Word-Bühnen.